Von Literatur zu Cosplay und zurück

Als Kind und Jugendliche war ich eine Leseratte, die vollen Bücherregale im Keller meiner Eltern können das bezeugen. Schon früh gehörten mit den Geschichten aus dem Alten Testament, den ägyptischen und griechischen Götter- und Heldensagen die Vorläufer des Fantasy-Genres zu meinen Favoriten, der echte Einstieg ins Genre kam dann aber Ende 2001 mit dem „Herrn der Ringe“. Ich war 14, hatte noch nie von Tolkien gehört – und bekam zu Weihnachten das durch den Kinostart der „Gefährten“ noch populärer gewordene Buch geschenkt.

Der Einstieg gestaltete sich aber schwerfälliger als vielleicht vermutet: Es dauerte zwei Wochen, bis ich mich durch die Einleitungen über Hobbits und Pfeifenkraut gekämpft hatte, und spätestens beim letzteren Kapitel war ich mehr als einmal kurz davor, das Buch wegzuwerfen. Als ich damit durch war, kam dann die Erleuchtung. Das Herr-der-Ringe-Fieber packte mich. Den Rest des Buches – und ich meine nicht nur den ersten Band, sondern alle drei – verschlang ich innerhalb von ein oder zwei Wochen.

Es folgte Anfang Januar 2002 der erste Kinobesuch und damit war ich vollends vernarrt. Es eröffneten sich diverse Welten, die ich nie vorher wahrgenommen hatte. Manche augenblicklich, andere nach und nach, wieder andere später:

  • Visuelle Aspekte in Filmen. Es ist nicht so, als hätte ich vorher noch nie Filme oder Serien gesehen, aber die Landschaft und Kostüme als wirkmächtige Komponenten eines Films waren für mich absolute Neuheit. Ich verliebte mich in der ersten Sekunde des Films in die Kostüme und ahnte noch nicht, wie sich das mal auf meine Hobbys auswirken würde – auch wenn die ersten zaghaften Kostümierungsversuche sehr bald kamen: Die Mitternachtspremiere des dritten Films besuchte ich dank der Nähkünste und Mithilfe einer Nachbarin in einem Elbenumhang, und derselbe Umhang zusammen mit einem gekauften Kleid waren auch mein Outfit bei meiner ersten RingCon 2004. Für eine der zwei folgenden RingCons bastelte ich mir zum ersten Mal selbst ein Kostüm. Richtig losgehen sollte es aber erst 2015.
  • Bücher und Filme als Convention-Themen; auf diesem Wege Gleichgesinnte zu treffen, war ein unheimlich schönes Erlebnis für mich, die ich sonst recht wenig mit Altersgenoss:innen und Klassenkamerad:innen anfangen konnte und deren Hobbys nicht teilte.
  • Musik: Noch nie zuvor wurde mir die Wirkung von Musik so bewusst wie beim ersten Herr-der-Ringe-Film. Kein Genre ist heute so mit meinem Alltag verbunden wie Filmmusik. Mehr als die Hälfte aller Alben auf meiner Festplatte sind Soundtracks. Die drei HdR-Soundtracks halten sich seit ihrem Erscheinen an der Spitze. Dicht hinter diesem Genre liegt symphonisches Metal, das – Überraschung! – sich durch oft epischen/filmisch-orchestralen Sound auszeichnet.

All diese Aspekte sind heute so mit meinem Leben verflochten, dass ich mich frage, was ich eigentlich gemacht habe, bevor ich den „Herrn der Ringe“ kennengelernt habe.
Soundtracks höre ich beinah täglich, drei bis vier Conventions sind jedes Jahr fest eingeplant, ich habe zum ersten Mal einen Freundeskreis, der genauso kreativ tätig ist wie ich.

Nun eine Beichte: „Der Herr der Ringe“ war zwar lange mein Lieblingsbuch, aber die Filme erreichten mich mehr als das Buch. Ich habe den Herrn der Ringe insgesamt wohl nur zweimal gelesen, während ich die Filme irgendwann mitsprechen konnte.

Dass Tolkiens Hauptwerk weiter aufs Abstellgleis geriet, verstärkte sich, als ich das Silmarillion kennenlernte, die perfekte Mischung aus antiker Mythologie und den bekannten Figuren aus Mittelerde. Seit ich richtig mit dem Cosplayen angefangen habe, habe ich das Silmarillion mehrfach und intensiv gelesen, den Herrn der Ringe gar nicht mehr, denn die epischen Geschichten und Charaktere aus dem Silmarillion sprachen mich mehr an – und die Tatsache, dass ich meiner eigenen Kreativität freien Lauf lassen konnte und nicht sklavisch an eine Vorlage gebunden war.

Die letzte Lektüre des Herrn der Ringe liegt definitiv zu weit zurück, daher lese ich das Buch aktuell endlich wieder. Gründlich und mit Ruhe, nicht verschlingend wie 2001. Zum ersten Mal mache ich mir freiwillig Notizen und kommentiere am Rand, was ich zuletzt irgendwann in der Schulzeit gemacht habe, wo ich die gründliche Auseinandersetzung mit Literatur trotz meiner Liebe zu Büchern für sinnlos gehalten habe. Ganz besonders lästig fand ich in der Schulzeit Gedichte, die für mich meist wahllos hintereinandergesetztes Wortgeblubber waren.

Dass ausgerechnet nicht-literarische Aspekte, die Kostüme und die Musik, jetzt dafür sorgen, dass ich neuen Spaß an der Lektüre habe und dass zwei Gedichte aus dem Herrn der Ringe gerade zu meinen Lieblingspassagen mutiert sind, damit habe ich nicht gerechnet.

Dank der Sängerin Karliene, die ich über verschiedene Fanlieder zu Game of Thrones kennengelernt hatte, schenkte ich zum ersten Mal einem von Tolkiens Gedichten volle Aufmerksamkeit: dem Lied von Beren und Lúthien, das Aragorn im „Herrn der Ringe“ rezitiert.

(https://www.youtube.com/watch?v=0BZDB2J8fOk)

Mit dem Hintergrundwissen der Geschehnisse des Silmarillion, verknüpft mit dem Klang sanfter Musik und Karlienes schöner Stimme fiel mir gewissermaßen die Kinnlade auf den Boden.

… He heard there oft the flying sound
Of feet as light as linden-leaves,
Or music welling underground,
In hidden hollows quavering.
Now withered lay the hemlock-sheaves,
And one by one with sighing sound
Whispering fell the beechen leaves
In the wintry woodland wavering. (…)

When winter passed, she came again,
And her song released the sudden spring,
Like rising lark, and falling rain,
And melting water bubbling.
He saw the elven-flowers spring
About her feet, and healed again
He longed by her to dance and sing
Upon the grass untroubling….

(J.R.R. Tolkien, The Lord of the Rings, Kap. “A Knife in the Dark”)

Es öffnete meine Augen auch für andere Gedichte im Herrn der Ringe, die ich jetzt zum ersten Mal nicht gelangweilt übersprang, sondern mir Zeile für Zeile auf der Zunge zergehen ließ. Mein aktueller Favorit ist das Gedicht „Eärendil was a mariner“, das Bilbo in Bruchtal zum Besten gibt.

… From gnashing of the Narrow Ice
where shadow lies on frozen hills,
from nether heats and burning waste
he turned in haste, and roving still
on starless waters far astray
at last he came to Night of Naught,
and passed, and never sight he saw
of shining shore nor light he sought.
The winds of wrath came driving him,
and blindly in the foam he fled
from west to east and errandless,
unheralded he homeward sped.
There flying Elwing came to him
and flame was in the darkness lit;
more bright than light of diamond
the fire upon her carcanet. (…)


But on him mighty doom was laid,
till Moon should fade, and orbéd star
to pass, and tarry never more
on Hither Shores where mortals are;
for ever still a herald on
an errand that should never rest
to bear his shining lamp afar,
the Flammifer of Westernesse.

(J.R.R. Tolkien, The Lord of the Rings, Kap. “Many Meetings”)

Ohne Silmarillion-Kenntnis kann man es wirklich nicht angemessen wertschätzen, bei der jetzigen Lektüre hatte ich dagegen gar einen dicken Kloß im Hals und eventuell feuchte Augen. Und vielleicht ist Eärendil gerade auf meine Cosplay-Liste gewandert.

Ebenfalls dank einer musikalischen Version ist übrigens ein anderes Gedicht von Tolkien das einzige Gedicht, das ich jemals freiwillig auswendig gelernt habe – und dieses Jahr aufgrund meines Cosplay-Baus in meinem Gedächtnis neu verankert habe.

(https://www.youtube.com/watch?v=BquuEMC0ei8)

Mein Respekt für Tolkien, der bisher vor allem auf dem Weltenbau, dem epischen Silmarillion und der Erfindung der Sprachen basierte, steigerte sich jetzt noch einmal durch den traumhaften Klang und Inhalt seiner Reime. Ich wünschte, ich hätte bei einem der Gedichte in der Schule jemals eine solche Offenbarung gehabt, statt sie lästig zu finden. Vielleicht wäre ich dann früher auf den Geschmack gekommen. Aber ich bin froh, dass es jetzt soweit ist.

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3 Kommentare zu „Von Literatur zu Cosplay und zurück

  1. Ja, es ist äusserst hilfreich wenn man sich beim Lesen eines Buches Notizen macht, auch wenn man dann nicht so schnell voran kommt. So eine Art von kurzer Zusammenfassung, aus der hervorgeht auf welcher Seite man was findet. Wie oft ist man in der Situation, dass man zwar ganz genau weiss dass man irgendeine wichtige Stelle irgendwo gelesen hat, aber man weiss nicht mehr in welchem Buch und auf welcher Seite. Und dann geht die Sucherei los. Die Notizen direkt in das Buch reinzuschreiben finde ich nicht so sinnvoll, weil man dann trotzdem danach suchen muss. Es ist viel effektiver wenn die Notizen als Datei vorliegen, in der man nach Stichworten suchen kann.

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    1. Das stimmt natürlich, aber ich mache das Ganze ja aus Spaß und nicht, um mir irgendwas zu merken. Es sind mehr so Eindrücke, die dann dabeistehen, und das ist doch direkt am Rand schöner als separat in irgendeiner Datei. 🙂

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